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Hanf, Kiffen, THC und die Gesetze zur Verfolgung von Cannabis

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Eindrücke einer Reise nach Amsterdam (2016)

Vor gut fünf Jahren bin ich auf der Durch­reise in Amsterdam vorbeigekommen und gleich als Erstes im Rotlichtviertel gelandet. Das war nun wirklich nicht meine Baustelle und die Hektik der Stadt überforderte mich. So zog ich damals nach gut einem halben Tag bereits weiter. Alles bekommt eine zwei- te Chance und so besuchte ich die Stadt abermals. Da ich mittlerweile auch Verwandte und Bekannte aus den Niederlanden gefunden hatte, bekam ich ganz abseits des Cannabis-Tourismus interessante Einblicke zu diesem Thema.

Entspannte Anreise per Nachtzug

Dem Geld und der Umwelt zuliebe reiste ich mit meiner besseren Hälfte im 6er-Liegewagen und so kamen wir nach gut 12 Stunden entspannt am Bahnhof Amsterdam Centraal an. Die Art der Reise hat durchaus Vorteile. So spart man sich eine Übernachtung, ist relativ ausgeruht und muss sich nicht mit ­­ir­gendwelchen überrissenen Sicherheits­kon­­trollen herumschlagen. Auf der gesamten Reise ha­ben wir nicht einen Zollbeamten zu Gesicht bekommen, man liess uns zufrieden schlafen. Es soll aber erwähnt werden, dass selbst der Schmuggel von kleinen Mengen hart bestraft wird. Es ist also dringend davon abzuraten, ein «Souvenir» ­mitzuneh­men. Den ersten Tag verbrachten wir damit, ein paar Sehenswürdigkeiten in Amsterdam zu besuchen und beendeten diesen, müde von den ganzen Eindrücken, mit einem Nachtessen in der ersten biologischen Snackbar der Niederlande. Das Lokal Naturlijk Smullen an der Jan van Galenstraat 78 bietet ein breites Sortiment an Fastfood an, wobei alles biologisch ist und selbst gemacht wird. Also ideal, um ohne schlechtes Gewissen nach dem ­Cof­- fee­shop-Besuch dem Fressflash nachzugeben.

Venedig Miniatur und Strandspaziergänge

Den Besuch im Coffeeshop musste ich aber auf den letzten Tag verschieben. Zum einen hatten wir uns ein Auto gemietet und kurv­ten so noch ein wenig in der Gegend herum – Coffeeshop und Auto fahren geht halt gar nicht. Zum anderen waren die Coffeeshops in Haarlem, wo wir übernachteten, nicht sehr einladend. Dazu aber später mehr. Deutlich ruhiger ging es am nächsten Tag in Giethoorn zu und her. Das malerische kleine Touristendorf lädt ein, den Kanälen entlangzu­- wandern und gut zu speisen. Das Dorf mit seinen Kanälen, Brücken und kleinen Souvenirläden erinnert an Venedig im kleinen Format. Wer Lust hat, kann den Ort auch mit einem kleinen Elektroboot erkunden.

Tags darauf stand gegen Abend ein Besuch bei Verwandten in Rotterdam auf dem Plan. Zuvor verweilten wir am Strand und genossen dick eingepackt die steife Brise des Ozeans. Der Strassenverkehr in den Nieder­lan- den und insbesondere rund um Rotterdam und den Europort ist für Schweizer eine ech­te Herausforderung. Vierspurige Autobahnen sind Standard, sechs Spuren nicht selten. So die Übersicht zu behalten und rechtzeitig die Ausfahrt zu erwischen, war ziemlich anstrengend, zumal die Ortsnamen unaussprechlich sind.

Cannabis ist kein Thema

In Amsterdam angekommen, fiel mir ziemlich schnell auf, dass die Stadt anders riecht. Immer wieder weht einem selbst morgens früh süsslicher Duft um die Nase. Man könn­te meinen, Cannabis sei omnipräsent, doch das trifft wahrscheinlich gerade mal auf einen Radius von einem Kilo­meter innerhalb von Amsterdam zu. In anderen Gegenden gibt es keine Coffeeshops oder man muss sie explizit suchen. In den Medien finden sich ebenso wenig Hinweise auf die spezielle Gesetzeslage wie im TV. Es scheint normal zu sein und niemanden zu kümmern.

Für die Jugendlichen ist es ebenso wenig ein Thema, Alkohol scheint da immer noch einiges beliebter zu sein. Von einem Hype kann nicht die Rede sein und der Besuch in einem Coffeeshop ist für die meisten nicht alltäglich, sondern eher ein selteneres Vergnügen, über das auch nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wird – die Eltern sehen das halt nicht gern. Die liberale Haltung gegenüber dem Genussmittelkonsum hat aber noch eine andere Facette. So wurde mir berichtet, dass an Partys durchaus auch andere Drogen wie MDMA konsumiert würden, es jedoch weniger Probleme gäbe. Da es kein Tabuthema ist, können die Konsumenten ei­nen kompetenten Umgang erlernen.

Coffeeshop ist nicht gleich Coffeeshop

Am letzten Tag besuchten wir nochmals ­Am­s­terdam und machten es uns in einem Coffeeshop gemütlich. Bereits am ersten Tag war klar, dass es nicht sinnvoll ist, in den erstbesten Coffeeshop zu rennen, da nicht alle wirklich einladend sind. Es ist offensichtlich, dass das Grass-Business noch immer eher toleriert statt legalisiert ist. Das halblegale Image wird denn auch oft gepflegt und so findet man Coffeeshops in allen Variationen. Es hat welche, die eher an Souve­nirshops erinnern, andere machen einen auf gestylten Club mit Türsteher und Metalldetektor, während andere einfach nur spezielle Cafés sind. Ich muss aber sagen, dass ich die wenigsten wirklich als einladend emp­fand. Oft sind gerade die touristischen Coffeeshops in der Innenstadt darauf aus, Tou­- ­risten möglichst potentes, wohlduftendes Grass zu verticken – den Flair des kleinen Schweizer Hanf­ladens der 90er-Jahre sucht man vergebens.

Die Krux mit der Qualität 

Was vielen nicht bewusst ist: Der Verkauf von Cannabis ist in der Niederlande mehr ge­duldet als wirklich legal. Die Coffee­shops haben ziemlich wirr anmutende Rah­men­bedin­gungen, an die sie sich halten müssen. So darf ein Coffeeshop nicht mehr als 500 Gramm an Lager haben. Oft muss mehrmals täglich Nachschub von aussen geholt werden. Der gewerbliche Anbau und der Besitz von grösseren Mengen ist weiterhin illegal: Die Coffeeshops beziehen das, was sie verkaufen, vom Schwarzmarkt. Dieses sogenannte Hintertürproblem bringt denn auch gewaltige Nachteile für die Konsumenten mit sich, denn das Weed stammt immer noch von einem völlig unkontrollierten Markt. Coffeeshops verkaufen, was sie halt grad so auf dem Schwarzmarkt kriegen, so gibt es kein permanentes Angebot an Cannabis-Sorten. Das Menü, also die Auswahl an kaufbarem Cannabis, wechselt täglich und die Qualität ist oft auch stark zu bemängeln. Im Cannabis College kann man dann auch sein Weed noch testen – was selbstverständlich die wenigsten machen. Zwar wird bei diesen Mengen nicht mehr aktiv gestreckt, doch finden sich fast überall noch Düngerrückstände oder Pestizide, und das in fast jeder Stichprobe.

Viele hochpotente Sorten

Das Angebot scheint extrem breit zu sein, doch was man ziemlich schnell vermisst, ist eine klare Deklaration auf dem Menü. Oft wird gerade noch zwischen Indica und Sativa unterschieden und eine kleine Bemerkung zur Wirkung gemacht. Angaben zur Potenz findet man praktisch nie. Viele Touristen nehmen halt einfach nur Weed, das möglichst reinhaut und einen schillernden Namen hat. Freunde, die wir besucht haben und die erst seit Kurzem in den Niederlanden leben, hatten denn auch keinen guten Eindruck von den Coffeeshops. Sie seien halt mit Freunden in einen Coffeeshop gegangen, der sich als nicht so seriös herausstellte und konsumierten hochpotentes Gras, das sie nicht gewohnt waren. Das Resultat war eine eher unschöne erste Erfahrung. Da wurde mir auch ziemlich schnell klar, warum sie sich partout um den Vorschlag herumdrückten, mit uns einen Coffeeshop zu besuchen.

Es geht auch gediegen

Meine Recherche brachte uns dann zu einem kleinen Coffeeshop namens Siberië – der einzige, der THC-Gehalt und auch CBD-Gehalt auswies. Dies ist auch interessant für Patienten, denn sie finden dort oftmals auch CBD-reiche Sorten. Der Ort erinnert denn auch mehr an ein Café, bietet richtig guten Kaffee an und verfügt über eine leckere Auswahl an Tees. Die Bedenken unserer Freun­de waren dann auch schnell verflogen und ich besorgte mir ein Outdoor-Sativa namens Purple. Das Verdampfen des Krautes war jetzt geschmacklich nicht besonders lecker, aber die Wirkung war nicht zu verachten und machte mir die Heimreise sehr erträglich.

Beschwerliche Heimreise

Eigentlich hatten wir ja ein Doppelbett im Schlafwagen gebucht, um uns noch eine schöne Rückreise zu genehmigen. Am Bahnhof stell­te sich jedoch heraus, dass der Zug irgendwo an der deutschen Grenze liegen geblieben war. Also mussten wir mit dem Regionalzug nach Arnhem und von dort per Car über die deutsche Grenze nach Oberhausen.

Die Deutsche Bahn machte ihrem Ruf dann zusätzlich alle Ehre, indem der verwaiste Zug genau so übergeben wurde, wie er am morgen verlassen worden war – inklusive aller Hinterlassenschaften. Dank dem Besuch des Coffeeshops vor der Abreise liess ich das Ganze aber entspannt vorübergehen. Mit über zwei Stunden Ver­spätung erreichten wir einigermassen aus­ge­schlafen wieder Zürich.

Ein Modell mit Verbesserungspotential

Das ursprüngliche Ziel des niederländischen Modells, die Trennung von harten und weichen Drogen, scheint sehr gut erreicht worden zu sein. Mir ist nirgends ein Dealer be­- gegnet und es irrten auch keine Junkies umher. Ich erfuhr, dass es gerade in den 70ern ganz anders zu- und hergegangen sein soll. Da wurde man an jeder Strassenecke angequatscht, ob man Gras oder halt andere, härtere Drogen haben wolle. Diese Zeiten sind definitiv vorbei, dennoch bleibt der Konsument das schwächste Glied in der Kette. Der Anbau ist illegal – selbst wenn dieser gelegentlich toleriert wird, fehlt es an Qualitätsstandards und Kontrollmöglichkeiten. Wie viel «bio» im teilweise verkauften Biogras wirklich drinsteckt, bleibt der Fantasie überlassen. Es gibt hier nur eine Lösung: regulierter Anbau und ein transparen­ter Markt, bei dem der Kunde die Wahl hat.

Europa muss nachziehen

Das etwas verruchte Image, das immer noch zu spüren ist, ergibt sich aus dem Tourismus in Kombination mit der halbherzigen Gesetzgebung. Man sieht und erkennt den Drogentourismus, der unerfahrene und oft auch unverantwortliche Konsumenten aus aller Welt in die Stadt bringt. Das Image scheint auch gut gepflegt zu werden, man will bewusst den Eindruck erwecken, dass die Grenzen überschritten werden. Amsterdam inszeniert sich, egal ob mit dem Erotik-Viertel, der Ausstellung «Körperwelten» von Gunther von Hagens oder halt eben Cannabis. Doch gerade Letzteres könnte sich ändern, wenn Cannabis endlich europaweit frei­­­gegeben würde. Amsterdams Coffeeshops müssten sich neu definieren und ähnlich wie in den USA könnte sich ein Markt etablieren, der hohe Qualität und Seriosität als Markenzeichen mit sich bringt.

Doch bis dahin müssen wir weiter kämpfen. Es wäre schön zu sehen, wenn die Schweiz ihre Pionierrolle wieder einnehmen und mit einem gut regulierten Markt der Nie­der­lande zum Vorbild werden könnte.

thc_recht/li761113.txt · Zuletzt geändert: 2019/05/07 16:46 von sos